Figuren aus Deinen alten Bäumen...
Alte Bäum haben eine Geschichte.
Manchmal erzählen sie diese den Menschen, welche feine Ohren für Bäume haben.
So geschah es auch in diesem Fall.
Gertrud und die Baumfrau Gäa verbindet eine fast lebenslange Beziehung.
Doch: lest selbst...
In meinem Garten steht ein alter Kischbaum.
Als ich das Haus kaufte, gab es ihn dazu.
70 Jahre steht er bestimmt schon dort.
So alt bin ich auch.
Beim ersten Tee auf dem Bänkchen, wenn die Amsel singt und die blaue Morgenstunde allmählich in den Tag übergeht,
wenn noch kein Kind Krach macht und ich noch gar nichts muss,
sind wir uns direkt gegenüber.
Im Laufe der Jahre haben wir ein Zwiegespräch begonnen.
Nicht nur seine verschwenderische, für jeden sichtbare Außenseite ließ er mich sehen,
sonder ganz langsam, Stück für Stück, seine Innenseite.
Er trägt ein Geheimnis in seiner Gestalt.
Seine Außenseite, das ist seine üppige Blüte, lange vor den Apfelbäumen.
Wie eine Krone aus weißem Schaum verzaubert sie den Garten, das Haus, meine morgendliche Teestunde.
Wenn der Himmel blau ist und die Bienen fliegen, singt der ganze Baum und ich brauche nichts weiter, um den Tag froh zu beginnen.
"Du musst nach Hause kommen," sage ich zu meiner Tochter, "der Baum blüht."
Und sie versteht, was ich meine.
Wenn wir daran denken, holen wir die Zweige schon am 4. Dezember, am Barbaratag, ins Haus, nach dem alten Adventsbrauch.
Dann blühen sie am heiligen Abend.
Nur zwei Wochen trägt der Baum jedes Jahr aufs Neue sein Brautkleid.
Dann beschneit er Wiese und Garten und mich mit seinen Blütenblättern.
Sobald sich auch nur ein Hauch von Rot auf den neuen Kirschen zeigt, starten die Amseln zu ihren Raubzügen.
Sogar die Tauben haben es inzwischen gelernt.
Ich gönne es ihnen, denn es sind so viele Früchte, so viele. -
Wir essen sie gerne, essen uns satt, aber nur so lange, bis wir uns endgültig doch vor den Maden ekeln, die unweigerlich drinnen sitzen.
Sie sind nichts Besonderes, diese Kirschen, hellrot, ein wenig fade,keine verfeinerte Züchtung und schon gar nicht leicht zu erreichen.
Die meisten Beinbrüche im Garten ereignen sich beim Klettern im Kirschbaum und unserer ist schon so alt und brüchig, dass es streng geboten ist, mit beiden Beinen fest auf der Leiter zu bleiben.
Einmachen lohnt sich nicht. Wenn auch nur eine einzige unschuldige Made auf dem Saft im Kirschglas schwimmt, streiken die Enkelkinder.
So bleibt der Segen für jeden, der ihn haben will, und die Amseln freuen sich.
Die Mäuslein sammeln die Kerne, welche ich dann im Frühjahr in ganzen Häufchen unter dem abgestorbenen Laub des Lerchensporns finde, jeder mit einem zierlichen Löchlein.
Unter dieser verschwenderischen Außenseite, so viel Gutes sie auch für alle sichtbaren und unsichtbaren Bewohner des Gartens tut, verbirgt sich eine Innenseite, welche der Baum mir erst langsam, in stillen Stunden, in ruhigem Anschauen, offenbarte.
Schon lange macht kein Kind mehr am Morgen Krach und ich habe alle Muße der Welt, meinen Baum zu betrachten.
Er trägt ein Geheimnis in seiner Gestalt. Er ist eine Baumfrau.
Siehst du die große ovale Schnittstelle, wo direkt am Stamm ein Hauptast abgesägt wurde? -
Wie eine sichtbar gewordene Gebärmutter sieht sie aus.
Und links darüber, die verwachsene Verdickung, das Herz meiner Baumfrau.
Drei große Äste streben auseinander, die gewaltige Last der Zweige und des jährlich sich erneuernden Früchtesegens tragend.
Die zwei äußeren Äste haben wulstige Schultern ausgebildet, die Jahr für Jahr dicker werden.
Sie haben so viel zu tragen!
Der mittlere Ast beugt sich weit nach hinten, wie ein Kopf, der im heftigen Schmerz zurückgeworfen ist. Und erst spät sehe ich auf ihm die große Wunde, wie ein im Schrei erstarrter Mund.
Von Jahr zu Jahr wird sie größer und ich sehe sie deutlicher.
In der Welt ist wieder so viel Krieg und Flucht und Leid.
Männer sterben, Söhne sterben, Kinder sterben.
Mütter werfen den Kopf in den Nacken und schreien vor Schmerz.
Sie recken die Arme zum Himmel und können es nicht ändern.
"Kennst du das nicht auch?"
fragt die Baumfrau.
"Ja, das kenne ich auch."
Manchmal kann ich es nicht mehr ertragen.
Ich mache die Nachrichten aus und setze mich aufs Bänkchen auf der Terrasse.
Die Abendluft ist kühl und duftet nach Kirschblüten.
"Du bist wie die Mütter aus aller Welt", sage ich zu meiner Baumfrau.
"Und du?" sagt sie.
"Gute Nacht, liebe Baumfrau!"
"Gute Nacht!"
Die Rinde der drei großen Äste ist bereits von oben aufgebrochen.
Moos und Gras wachsen in den Rissen.
"Wie lange könnt ihr eure Last noch tragen?"
"Alles hat seine Zeit," sagt die Baumfrau.
"Und wenn es nicht mehr geht?"
"Dann geht es nicht mehr. Muss es ja auch nicht. - Kennst du das nicht auch?"
"Ja, das kenne ich auch. Aber es schmerzt."
"Es schmerzt," sagt die Baumfrau, "ja. Lass es zu. Ruh dich aus."
Seit einigen Jahren wächst ein wenig Efeu am Stamm hoch.
Ich achte darauf, dass er nicht an den drei Ästen hochsteigt und dem Baum zu viel Licht wegnimmt. Ein kundiger Gärtner hat mir gesagt, ich muss den Efeu entfernen, sonst geht der Baum ein.
"Er ist 70 Jahre alt," sage ich.
"Kann nicht sein," sagt der Gärtner, "so alt werden diese Bäume nicht."
Na, er muss es ja wissen.
Meine Baumfrau und ich, wir haben uns in unserer blauen Morgenstunde sehr über ihn amüsiert.
"Wer geht zuert," frage ich, "du oder ich?"
"Ist das wichtig? - Alles hat seine Zeit."
"Nein, du hast recht, das ist nicht wichtig. Aber ich bin müde."
"Ruh dich aus. Du bist kein Baum."
"Wirst du nächstes Jahr wieder blühen?"
"Wir werden sehen. Wenn kein starker Sturm kommt -- "
"Und wenn nicht?"
"Dann nicht."
In meinem Garten steht ein alter Kischbaum.
Als ich das Haus kaufte, gab es ihn dazu.
Alle wichtigen Dinge bekommt man umsonst.
Nur das Überflüssige muss man kaufen.
Ich habe ihr so viel zu verdanken, meiner Baumfrau, so viele gute Gespräche.
"Reg dich nicht auf, alles fügt sich," hat sie oft zu mir gesagt, im richtigen Moment, in unserer blauen Stunde.
Vor vielen Jahren hat einer zu mir gesagt, ich soll den Baum doch fällen.
Er nimmt so viel Sonne weg!
Nie!
Aus: Gertrud Raab: Von Kindern und Blumen, Vögeln und Bäumen, Großeltern und anderem Getier, Berlin, 2020